~ ridiculous thoughts ~

Menschen im Stau

Hin und wieder passiert es den am besten organisierten und am meisten voraussehenden Autofahrern: Man wird immer wieder in Zwangspausen verwickelt, die gemeinhin als Stau bekannt sind. Interessant wird es dann, wenn man die Zeit nutzt, um sich die „Mitstauenden“ einmal genauer anzusehen und man wird feststellen, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, wie Menschen auf einen plötzlichen Halt, den sie nicht mehr beeinflussen können und der ihren Terminplan durcheinanderschüttelt, reagieren.

So haben wir zum Einen die Geschäftsleute, die, sobald das Fahrzeug seine endgültige Stauposition erreicht hat, frenetisch auf ihrem Handy herum tippen, Anrufe tätigen und entgegennehmen, Meetings verschieben und letztenendes mit hochrotem Kopf, komplett gestresst und mit einem außerordentlichen Adrenalinüberschuss versehen, kurz davor stehen, einen Herzinfarkt zu bekommen oder verzweifelt in das mit Wurzelholz ausgestattete Lenkrad zu beißen. Für sie ist ein Stau gleichzusetzen mit einem Orkan, der über einen Flughafen fegt oder einer Überschwemmung, die das Büro mit allen Akten hinfort schwemmt.

Natürlich sind vor allem zur Hauptreisezeit nicht nur Handelsreisende unterwegs, sondern auch Familien mit Kindern. Da entwickelt sich dann unter Umständen eine ganz eigene Dynamik: Um zu verhindern, dass der Nachwuchs die Meuterei auf der Bounty im heimischen Familienvan inszeniert, werden sämtliche Tricks angewandt, die aufmerksame Eltern nur auf Lager haben können: Zuerst kommt es zur allgemeinen Raubtierfütterung – ein gut Teil der Notreserven an zuckerhaltigen, klebrigen und sonst nicht auf dem normalen Speiseplan stehenden Nahrungsmitteln wird den Kleinen zum Fraß vorgeworfen. Um aufkommender Langeweile (und dem eben erreichten Zuckerschock) entgegenzuwirken, wird auf einmal ein Ball hervorgezaubert und auf wundersame Weise wird aus einem schnöden Pannenstreifen ein Bolzplatz, auf dem sich nicht nur die Kinder des eigenen Autos sondern auch jene aus der gesamten Nachbarschaft, Verzeihung, aus den gesamten Nachbar-Familienkutschen, austoben. Die Situation ist gerettet, den Eltern bleibt es nur noch, in dem Kinderknäuel ihre eigenen nicht zu verlieren, tief durchzuatmen und den Stau als gegebene – und wahrscheinlich nach etlichen hundert Kilometern wohl verdiente – Pause anzusehen. Gleichzeitig müssten die perfekt organisierten Eltern wohl auch Lob und Anerkennung aller weniger gut ausgestatteten Raubtierbändiger einheimsen, denn immerhin sind auch ihre Kinder beschäftigt und was gibt es Schlimmeres als quengelnde, gelangweilte Kinder im Stau?

Nachdem aber nicht nur Geschäftsleute und Familien auf unseren Straßen unterwegs sind, gibt es natürlich auch noch eine weitere Gruppe  von „Mitstauenden“ – nämlich das wahllos zusammengewürfelte Grüppchen von Freunden, das den Urlaub oder die Heimreise ansteuert. Hier nimmt man Staus meist mit einer gewissen Gelassenheit, denn man ist ja unter Freunden. Der ein oder andere bleibt im Auto sitzen, während der Fahrer meist der erste ist, der aussteigt – einerseits um die Lage einschätzen zu können (wieviele Kilometer Stau kann man denn da draußen sehen? Ist die Luft rein, um allgemein aussteigen zu können oder könnte es doch gleich wieder weitergehen?) und Dehn- und Streckübungen machen zu können, da der Bleifuß schön langsam genauso dabei ist, einzuschlafen, wie der Hintern und der Rücken auch schon eigenartige, krachende Geräusche von sich gibt, deren Lautstärke sich eventuell schon jenseits von Gut und Böse bewegen. Die Raucher unter den Mitreisenden werden die Pause für ein gepflegtes Zigarettchen nutzen und sich die Beine vertreten und wenn die Musik gut genug ist, beginnt vielleicht einer der Runde, eine Stau-Party zu organisieren, wobei allerdings die Mini-Bar im Kofferraum meist dürftig bis gar nicht ausgestattet ist - so weit hat man dann eben doch nicht gedacht. Wenn die Langeweile allzu groß wird, hat sicherlich irgendjemand Lesestoff dabei oder man erzählt sich Schwänke, die das Leben so schrieb. Es soll schon vorgekommen sein, dass man den einen oder anderen Menschen nach dem Stau mit ganz anderen Augen gesehen hat…

Ein weiteres Phänomen auf unseren Autobahnen sind Reisende mit Hund. Diese nutzen natürlich zuerst die Gunst der Stunde, um ihren treuen Gefährten einmal auszuleeren und logischerweise trifft man dort dann auch auf andere Hundebesitzer, die genau dasselbe vorhaben, sodass sich eine regelrechte Gassi-Gemeinschaft bildet. So entsteht neben dem Bolzplatz kurzerhand eine Hundewiese auf dem Pannenstreifen, wo die von der Reise mitgenommenen Vierbeiner wieder Kraft schöpfen können.

Nicht zu vergessen sind natürlich auch gänzlich allein Reisende, die sich dann der ein oder anderen Gruppe kurz anschließen und mit ihr sympathisieren, vielleicht auf ein kurzes, belangloses Gespräch bleiben und nach einer Runde durch die Staulustigen wieder zu ihrem eigenen Gefährt zurückkehren und für sich bleiben oder sich aber der Gruppe der für sie interessantesten Steh-und-Schauer anschließen. Diese Sorte von Autofahrern ist meist auch sehr gut organisiert: Man studiert noch einmal den Reiseführer, um ganz sicher zu sein, wo es im Urlaub genau hingehen soll oder zückt die neueste Lektüre, um die Langeweile zu vertreiben. Manchmal trifft man sogar auf Reisende, die einen DVD-Player mithaben und sich im Stau erst einmal die verpassten Folgen der favorisierten Serien zu Gemüte führen (Diese Sorte Mensch hat meist ein hochintelligentes Auto mit denkendem Navigationssystem und sprechendem Motorblock).

Auch Wohnwagenfahrer sind natürlich auf der Autobahn – und somit im Stau – zu treffen. Diese haben natürlich alle Vorteile auf ihrer Seite: Sie können einfach nach hinten gehen und sich einen Kaffee kochen, gemütlich auf der Couch sitzen und sich darüber lustig machen, wie der Geschäftsmann im Mercedes neben ihnen entnervt ins Lenkrad beißt. Wenn sie im Konvoi reisen, können sie sogar wirklich die Party veranstalten, die die Freundesgruppe gerne starten würde, denn die Minibar im Wohnwagen ist sicherlich gut gefüllt. Gleichzeitig können sie natürlich auch noch die Satellitenschüssel zurechtrücken oder einfach eine DVD auf einem echten Fernseher gucken, der natürlich größer und höher auflösend ist als jener des hochtechnisierten Alleinreisenden.

Auch Reisegruppen in Bussen haben gegenüber den normalen Staulustigen einige Vorteile: Sie haben ein WC an Bord (das wohl für einige Mitstauende Gold wert wäre – vielleicht können die Busreisenden damit sogar Profit schlagen), auch sie haben für gewöhnlich die Möglichkeit Filme zu sehen und sie sind in einer großen Gruppe, die sich allein unterhalten kann, unterwegs. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand einen Satz Spielkarten, ein Mensch-ärger-dich-nicht oder sonstige zu Unterhaltungsmaßnahmen taugliche Dinge eingepackt hat, ist aufgrund der Menschenmenge sehr hoch, also kann bei derartigen Reisegruppen kaum Langeweile aufkommen. Natürlich sind da sicherlich auch ein oder zwei dabei, die sich maßlos über den Stau ärgern, aber die kann man ja getrost ignorieren, um die Stimmung nicht zum Kippen zu bringen.

Zu guter Letzt sind natürlich an Werktagen auch noch LKW-Fahrer unterwegs, die zwar stauerprobt sind, aber sich sicherlich ärgern – immerhin haben sie ihre Fracht termingerecht abzuliefern und werden von allen anderen Verkehrsteilnehmern immer wieder angefeindet. Für den Durchschnittsautofahrer sind sie störende Objekte, die die Autobahnen sinnlos verstopfen und unsicher machen. Daher halten die sich meist zurück und sind eher weniger oft dabei anzutreffen, wenn es darum geht, sich irgendwelchen Stau-Fraktionen anzuschließen. Wenn sie aber einmal mit jemandem sympathisieren, dann kann man einen Heidenspaß mit ihnen haben: Sie haben oft einmalige Geschichten aus dem Leben eines Brummi-Fahrers zu bieten, die es sich anzuhören lohnt. Gleichzeitig vergeht damit die Wartezeit ungemein schnell.

Ähnlich verhält es sich übrigens auch mit Motorradfahrern, die eher selten allein anzutreffen sind und auch im Stau erst versuchen, diesen gekonnt zu umschiffen – was ebenfalls den Unmut der Autofahrer mit sich bringen kann, denn warum kann es für die Kleinen und Wendigen schneller gehen als für ein mit vier Rädern ausgestattetes Vehikel?! Noch dazu werden sie sowieso ebenfalls sofort als mögliche Gefahrenquelle schubladisiert und dementsprechend möchte man mit ihnen ja nicht gesehen werden, auch wenn Biker mit Leib und Seele sicherlich die ein oder andere wilde Geschichte mit im Gepäck haben könnten, die einen Stau zu einem unvergesslichen Erlebnis machen könnte…

Hier bin ich allerdings vorerst am Ende meiner Stau-Analyse, vielleicht schauen Sie sich das nächste Mal selbst ein wenig um – einige der beschriebenen Menschen werden Sie sicherlich vorfinden und vielleicht ist damit der nächste Stau, so unangenehm er sein mag, auch ein bisschen interessanter für Sie. Und nicht vergessen: Es ist eine Zwangspause, an der man ohnehin nichts ändern kann, also bleiben Sie ruhig und versuchen Sie, das Beste aus der Situation zu machen: Wenn Sie im Funkloch stehen und ihren persönlichen Assistenten nicht erreichen können, damit er Ihre Termine verschiebt, bedenken Sie, dass Funklöcher meist mit viel Landschaft und Panorama verbunden sind, durch die abgestellten Motoren vielleicht sogar mit frischer Bergluft. Wenn Ihre Kinder quengeln, versuchen Sie, sie zu bestechen und andere Kinder zu finden – es soll auch schon Staufreundschaften gegeben haben. Wenn sie auf eine Party-Truppe treffen, schließen Sie sich kurz und organisieren Sie eine Minibar, schlimmstenfalls per Helikopter, wenn alle ein paar Groschen zusammenschmeißen, dann funktioniert das schon. Und am Wichtigsten: Nehmen sie es nicht zu ernst, Sie kommen mit einem Herzinfarkt zwar schneller aus dem Stau (der Hubschrauber kommt dann auch gratis), aber der Krankenhausaufenthalt dauert dafür länger...

20.7.10 12:17

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