~ ridiculous thoughts ~

Archiv

Sieh deinem Pferd in die Augen, aber erschrecke dich nicht über die Wahrheit, die du darin findest

Hallo Welt....

Mein erster Eintrag scheint sich doch tatsächlich um Pferde zu drehen - wie wohl etliche nachfolgende das auch noch tun werden...

Der Grund dafür ist eigentlich reichlich simpel: Seit ich denken kann, beeinflussen Pferde meine Art zu denken, meine Art zu handeln und meine Art, die Welt zu verstehen, weil "Reiten" und das, was damit zusammenhängt wohl einfach mehr ist, als nur "draufsetzen, losreiten, Sporen reinknallen, Gerte draufhaun, fertig." Nein, es ist mehr. Nach mittlerweile 16 Jahren weiß ich - es hat nicht nur meinen Umgang mit den schnaubenden Vierbeinern verändert, sondern auch den mit meinen Mitmenschen (ja, hin und wieder erkennt man in seinem menschlichen Umfeld durchaus Pferdeverhalten - von Stutenbissigkeit und Futterneid bis hin zur panischen Fluchtreaktion mit - je nach Frisur - mehr oder weniger wehender Mähne).

Dementsprechend omnipräsent sind Pferde und Reiterei in meinem Leben - und ohne fehlt mir was.
Genau DESWEGEN allerdings stellt es mir regelmäßig alle Haare auf, wenn ich sehe, wie manche Menschen mit ihren Tieren umgehen:
Da wird geschlagen, gezwungen, gebrüllt, gewütet und getobt - man spricht von "Problempferden", denen man die Flausen schon austreiben wolle und von "schlechten Pferden". Wer genauso denkt - den bitte ich, hier mit dem Lesen aufzuhören, denn diejenigen würden sonst etwas erfahren, womit sie vielleicht nicht klarkommen könnten. Nämlich, dass Pferde Partner sind. Treue Freunde und Begleiter, die uns in ihrem Verhalten immer nur unsere Unzulänglichkeiten wiederspiegeln und sie uns - umso unzulänglicher WIR werden, immer und immer wieder zu verzeihen suchen, solange sie noch an UNS glauben. Ja, Sie haben richtig gelesen. SIE glauben an UNS. Genauso wie WIR unseren Glauben in SIE setzen sollten. Nur, dass Pferde das viel vorbehaltloser tun als wir - es geht ihnen nicht darum, ob ihr menschlicher Partner grüne Augen, pinke Haare und toll manikürte Nägel hat und ebensowenig interessiert sie, wie neu ihre Reitklamotte heute wieder ist. Was sie interessiert, das sind SIE als Ganzes - und sie werden versuchen, ihrem Menschen zu helfen - über die Unzulänglichkeiten, die das Leben ihm mitgegeben hat. Einen hektischen, nervösen Menschen wird es zwingen, seine innere Kraft und Ruhe zu finden, einem phlegmatischen Menschen wird es beibringen, was Energie und Elan sind und einem ängstlichen Menschen wird geholfen, sich selbst zu Vertrauen und über sich selbst hinauszuwachsen.

Haben Sie die "Probleme" ihrer Pferde schon einmal so betrachtet? Sie sind IHR Spiegel. Glauben Sie nicht? Dann lassen Sie mich erzählen:

Meine erste Begegnung mit einem "persönlichkeitsprägenden Pferd" hatte ich etwa im Alter von 10 Jahren. Ein junger, wilder Haflingerwallach, der nichts als Flausen im Kopf hatte - minutenlanges Galoppieren und Buckeln durch die Bahn, das jeder Rodeo-Reiter vor Respekt den Hut gezogen hätte, gehörte zu einer seiner liebsten Übungen. Er war jung und verspielt, ich allerdings auch. Nur, dass der Kerl ein bisschen zuviel Selbstbewusstsein hatte - ich damals genau mit selbigem in meiner kindlichen Entwicklung aber zu Kämpfen hatte. Nun musste ich mich bei dem kleinen Kerl aber durchsetzen - und das konnte ich nur, indem ich mir meiner selbst bewusst wurde. Ich musst ihm zeigen "Hey, mein Freund - ich bin auch jemand und zwar so jemand, den man nicht einfach so links liegen lässt!" - Nachdem kratzen, schlagen und beißen nicht in mein Repertoire gehörte (und auch heute nicht gehört) musste ich also irgendwie anders aus dem Schlamassel raus - nämlich mit Zuhören. Wem, fragen Sie? Na dem wilden Gesellen unter mir natürlich! Wozu? Ganz einfach: Um im Sattel zu bleiben und mir nicht sämtliche Knochen zu brechen! Und der Kleine hat mir auch gehörig was zu erzählen gehabt: Nämlich, dass man mit Ruhe weiterkommt. Dass ihm genau diese Ruhe und Ausgeglichenheit in dem Moment gefehlt hat. Dass man aber auch gerne mal durchdrehen darf - wenn man sich danach wieder in seiner Mitte findet. Und so war es dann auch: So wie ich selbst nicht mehr komplett vom Adrenalin gekickt im Sattel saß sondern meine innere Ruhe gefunden hatte, wurde mein Partner unter mir ruhig. Anfangs dauerte dieses Spiel natürlich, denn wie in jeder Partnerschaft gab es auch hier anfängliche Kommunikationsprobleme (und sagen Sie mir nicht, Sie würden mit Ihrem Mann/Ihrer Frau nicht auch regelmäßig vor demselben Problem stehen!). Je besser wir uns aber kennenlernten, umso mehr lernte ich von ihm, ruhe zu bewahren, auch in schwierigen Momenten und umso schneller wurde auch er ruhiger.

Der nächste, und bis jetzt größte tierische Lehrmeister, dem ich wohl auch alles, wirklich alles zu verdanken habe, das ist mein immer noch treuer Begleiter, der bei mir zuhause im Stall steht. Ein "nordisches Wüstenpony" - also ein Araber - Welsh - Mix, gemeinhin auch als "Deutsches Reitpony" (wie unkreativ) bekannt.

Seine Bekanntschaft durfte ich eher durch einen Zufall machen, und aus diesem Zufall wurde eine große Liebe und ein Lernen bis heute.
Ich war damals auf der Suche nach einem "zu mir passenden Pferd zum Reiten" - nicht einmal, um es zu kaufen, sondern lediglich, um mit ihm lernen zu können. Wie es der Zufall so wollte, tauchte genau da mein Kleiner auf - anfangs schien er ein Pferdchen wie viele zu sein, doch sowie ich mich das erste Mal in den Sattel geschwungen hatte, war es um mich geschehen: Ein Pferd mit soviel Ausdruck, Kraft, Stolz, Würde und Edelmut, schlicht: Charakter, hatte ich noch nie zuvor in meinen Händen gehabt.
Nun kam es aber, dass mein Kleiner ziemlich weitgereist war und auf seinen Reisen auch einige unangenehmere Erfahrungen zu verbuchen hatte: Als fast schon gestohlenes Pferd aus Norddeutschland nach Österreich verfrachtet, kam er irgendwan im Süden der Alpenrepublik an, wo er wohl eine zu schnelle, zu harte und zu ungeduldige Hand ertragen musste.
Die erste Zeit, die ich mit ihm verbringen durfte, war noch absolut sorgenfrei, denn mein Kleiner ist ein bisschen zurückhaltend: Von seinen Problemen erzählte er mir etwa eine Woche, nachdem ich den Kaufvertrag unterschrieben hatte. Da begann er auf einmal, zu buckeln, zu steigen, durchzugehen und überhaupt ziemlich viel Blödsinn zu machen. Ich war damals 16 und gerade in dem Alter, in dem Teenies nun mal eigentlich gar nicht hinhören wollen. Ich wollte Schleifchen und Blechpokale erjagen und ich nicht pferdischer Psychotherapie hingeben (wer hier wen therapiert, ist bis heute nicht klar).

Jetzt hatte ich den Kerl aber nun mal an der Backe, jetzt musste ich auch das beste daraus machen. Ich kam darauf, dass er panische Angst vor allem hatte, was irgendwie als Schlaginstrument dienen konnte - von der Longierpeitsche über die Dressurgerte bis hin zum Haselnuss-Zweig (sogar wenn dieser nur ein Wedel war, der gar nicht zum Schalgen geeignet wäre, war er schon in vollster Panik).
Also begann ich, ihm seine Ängste zu nehmen. Ich begann, ihn zu beobachten. In der Box, beim Putzen, auf der Weide mit seinen Freunden. Und ich versuchte, sein Vertrauen zu gewinnen, denn offensichtlich hatte er das Vertrauen in die Menschheit fas gänzlich verloren und versuchte nur noch zu funktionieren, um weiterem Schmerz auszuweichen.

So kam es, dass wir uns eines schönen Sommertages in einem Paddock wiederfanden (Roundpen gabs keinen, daher die Improvisation) und ich zum ersten Mal in meinem Leben mit Vertrauenstraining konfrontiert war. Ich wollte es wissen, ob ich es schaffte, ihm klarzumachen - neben all den Übungen wie über knisternde Planen zu latschen, sich mit Gerten streicheln lassen und böse, raschelnde Plastiktüten zu überleben - dass ICH ihm niemals etwas antun würde. Dass ich ihn leiten würde, wenn er ich ließe. Dass das allerdings damit verbunden wäre, dass ICH den Ton angebe und er, wenn er mich absichtlich ärgert, auch damit rechnen müsste, dass ich ihn zurückärgere.

So standen wir also dort - ein staubiger Paddock, ein Mensch ein Pferd, ein Führstrick. Und ja, ich war nervös, gespannt und neugierig, was passieren würde.
Zuerst schickte ich ihn weg - was er mit Buckeln und Ausschlagen in meine Richtung beantwortete und dann im Kreis um mich herumlief. Gut - Ziel eins war erreicht: Pferdchen klebt nicht an mir und hat begriffen, dass ich es nicht haben will, wenn es mir nicht vertrauen kann - wir können nur ein Team sein, wenn wir uns gegenseitig vertrauen. Fehlt das, dann sind wir kein Team, sondern ein Krampf.
Er musste lange überlegen, ob er mir nach alledem, was ihm passiert war, vertrauen konnte. Immerhin war ich ein Mensch und Menschen hatten ihn so sehr verletzt. Doch irgendwann entschloss er sich, vorsichtig, ganz vorsichtig den Kopf zu senken und mir zu zeigen, dass er sich doch meiner "Herde" anschließen wolle. Als er dann hinter mir stand und ich seinen warmen Atem in meinem Nacken spürte, wollte ich selbst es kaum glauben: Mein Pferd wollte wirklich mein Partner sein!

Endlich konnten wir wirklich gemeinsam arbeiten und nicht mehr gegeneinander. Ich habe von ihm gelernt, warum er wütend und verzweifelt wird, ich durfte lernen, Ruhe zu bewahren und inzwischen ist er ruhige, wenn ich mich erschrecke, während ich ruhig bin, wenn er Angst hat. Schlagwerkzeug ist bei uns kein Thema mehr - ich darf eine Gerte verwenden um ihn zu touchieren, doch auf die Longe-Peitsche verzichte ich meist - ich unterhalte mich lieber mit meinem Pferd, als meinen "verlängerten Arm" knallen zu lassen - wozu kann man denn mit den Fingern schnippen?!

Wie es heute aussieht? Wir üben gerade unsere ersten fliegenden Galoppwechsel, versuchen uns in Traversalen und manchmal auch in Pirouetten, springen lustig über Mikadostäbe, über die ich mich vor ein paar Jahren noch lange nicht getraut hätte und entspannen uns bei stundenlangen Ausritten (die sind so entspannend, dass ich neben dem grasenden Pferd an schönen Sonnentagen auch schonmal im hohen Gras einschlafe, bis er mich wieder weckt). Den Turnierstress wollen wir uns für den Moment jedoch nicht mehr antun - wir genießen die vielen perfekten Momente, die wir für uns haben...